Schlafstörungen

Cannabis bei Angst und Schlafstörungen: Zwischen Placebo und Potenzial

Kann Cannabis gegen Angst und Schlafprobleme helfen? Ein Blick auf Chancen und Grenzen.

Lisa Reinhardt
Lisa ReinhardtApr 2, 2025 · 5 Minuten
Cannabis bei Angst und Schlafstörungen: Zwischen Placebo und Potenzial

Angststörungen und Schlafprobleme gehören zu den häufigsten psychischen Beschwerden in Deutschland. Millionen Menschen leiden unter chronischer Anspannung, Panikattacken, innerer Unruhe oder dauerhaft schlechtem Schlaf. Angesichts der Nebenwirkungen klassischer Medikamente – etwa Benzodiazepine oder Schlafmittel – suchen viele Betroffene nach alternativen Behandlungswegen. Cannabis wird dabei zunehmend als potenzielles Mittel zur Linderung diskutiert. Doch wie solide ist die Evidenz? Und wo liegen die Risiken?

Hintergrund: Warum greifen Betroffene zu Cannabis?

Viele Menschen berichten subjektiv über positive Effekte von Cannabis auf:

  • innere Anspannung und Nervosität
  • Einschlaf- und Durchschlafstörungen
  • intrusive Gedanken oder Grübelneigung
  • körperliche Symptome von Angst (z. B. Herzrasen, Schwitzen)

Insbesondere das nicht-psychoaktive Cannabidiol (CBD) ist frei erhältlich und wird häufig als „natürliches Beruhigungsmittel“ beworben. Der psychoaktive Wirkstoff THC hingegen unterliegt in Deutschland dem Betäubungsmittelgesetz und ist nur auf ärztliche Verschreibung bei schwerwiegenden Erkrankungen zugelassen.

Wirkmechanismus: Wie könnte Cannabis wirken?

Cannabinoide beeinflussen das Endocannabinoid-System, das u. a. an der Regulation von:

  • Angstreaktionen
  • Stressverarbeitung
  • Schlaf-Wach-Rhythmus beteiligt ist.

CBD wirkt in Studien anxiolytisch (angstlösend), vermutlich über eine Modulation von Serotoninrezeptoren (5-HT1A).
THC hingegen kann in niedriger Dosis beruhigend wirken – in höherer Dosis jedoch Ängste verstärken oder sogar Panik auslösen.

Studienlage: Zwischen Hoffnung und Unsicherheit

Die Evidenzlage ist uneinheitlich und teilweise widersprüchlich:

  • Eine Metaanalyse (2020, Lancet Psychiatry) zeigt begrenzte Hinweise auf eine Wirksamkeit von CBD bei sozialer Angststörung.
  • THC-haltige Präparate werden in der Regel nicht zur Behandlung von Angst empfohlen – u. a. wegen des Risikos für paranoide Reaktionen oder eine Abhängigkeit.
  • Bei Schlafstörungen zeigen Studien teils positive Effekte auf Einschlafzeit und Schlafdauer, insbesondere bei Menschen mit chronischen Schmerzen oder PTSD.

Problematisch ist: Viele Studien sind klein, kurzzeitig und methodisch heterogen. Placeboeffekte spielen eine erhebliche Rolle.

Einschätzungen aus der Praxis

Psychotherapeut:innen und Fachärzt:innen sind zurückhaltend:

„Cannabis ist kein Ersatz für Psychotherapie oder eine strukturierte Angstbehandlung. In Einzelfällen kann es unterstützend wirken, muss aber sehr differenziert eingesetzt werden.“
— Dr. med. Laura Heinze, Fachärztin für Psychiatrie

„Bei Schlafproblemen können CBD-Präparate helfen, den Einstieg in eine bessere Schlafhygiene zu erleichtern – sie sind aber kein Allheilmittel.“
— Dipl.-Psych. Jens Koch, Verhaltenstherapeut

Risiken und Nebenwirkungen

  • THC: Risiko für psychotische Episoden, kognitive Beeinträchtigungen, Abhängigkeit, Rebound-Effekte bei Absetzen
  • CBD: meist gut verträglich, gelegentlich Müdigkeit, Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
  • Langzeitanwendung: unzureichend erforscht, besonders bei Jugendlichen oder vulnerablen Gruppen

Rechtlicher Rahmen

  • CBD-Produkte: frei verkäuflich, sofern THC-Gehalt unter 0,2 % liegt
  • THC-haltiges Cannabis: verschreibungspflichtig bei schwerer Erkrankung, individuelle Genehmigung durch Krankenkassen erforderlich
  • Psychische Indikationen: selten als alleinige Begründung für Verordnung akzeptiert

Fazit

Cannabis – insbesondere CBD – bietet potenzielle Ansätze zur Linderung von Angst und Schlafstörungen. Die Studienlage ist jedoch lückenhaft, und die Risiken dürfen nicht unterschätzt werden. Für eine verantwortungsvolle Anwendung braucht es klare Indikationsstellungen, ärztliche Begleitung und eine Integration in ein ganzheitliches Behandlungskonzept.

Zwischen Placebo und Potenzial ist noch viel Raum für fundierte Forschung.